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Mitten im Wechsel

Wie Stimmungsschwankungen und hormonelle Veränderungen die Sexualität in den Wechseljahren beeinflussen – und warum gerade jetzt ein entspannter Umgang mit sich selbst so wichtig ist.

Plötzlich ist alles anders. Die Freundin sagt einen Kaffee ab, weil sie müde ist. Die Kollegin weint im Büro, obwohl es nur um eine vermasselte Excel-Tabelle geht. Und man selbst? Findet sich an einem Mittwochabend heulend im Bett wieder, weil der Partner sich nicht daran erinnert, dass man heute vor 20 Jahren zusammengezogen ist. Willkommen in den Wechseljahren – oder genauer: in der hormonellen Achterbahn, die diesen neuen Lebensabschnitt begleitet.

Östrogen und Progesteron: Diese beiden kleinen Hormone haben Jahrzehnte lang für Stabilität gesorgt – körperlich wie seelisch. Wenn ihre Produktion in den Wechseljahren schwankend nachlässt, kommt das seelische Gleichgewicht leicht ins Wanken. Viele Frauen berichten von plötzlichen Stimmungstiefs, Gereiztheit oder innerer Unruhe. Was sie daran zusätzlich belastet: Diese Veränderungen werden oft nicht ernst genommen, weder von Außenstehenden noch von einem selbst. Der Spruch „Reiß dich doch mal zusammen“ hilft da wenig, denn die Ursachen sind hormonell bedingt.

HORMONE, GEFÜHLE UND DAS FRAGILE ICH

Sex? Das kann in dieser Phase ein heikles Thema sein. Viele Frauen erleben weniger Lust, mitunter Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, körperliche Veränderungen wie Scheidentrockenheit oder Ge­wichts­zunahme. Dazu kommt das eigene Kopfkino: Bin ich noch begehrenswert? Oder eher peinlich, wenn ich mit Ü50 Dessous trage? Gerade in langjährigen Beziehungen kann das für Unsicherheiten sorgen – auf beiden Seiten. Doch hier liegt auch eine große Chance. Viele Paare finden in dieser Zeit zu einer neuen, oft reiferen Form von Intimität. Der Druck, gefallen zu müssen, lässt nach. Gespräche über Bedürfnisse, Wünsche und Unsicherheiten öffnen neue Räume. Nähe kann neu definiert werden – weg von perfektem Sex, hin zu echter Verbindung. Für Singles wiederum bietet diese Lebensphase die Chance, ganz neue Seiten an sich selbst zu entdecken, Wünsche neu zu formulieren, Grenzen neu zu setzen.

DAS EIGENE ICH NEU ENTDECKEN

Das Gute zuerst: Stimmungsschwankungen vergehen wieder. Es gibt Phasen, da fühlt sich alles düster an. Und dann gibt es Tage, da lacht man plötzlich wieder über einen dummen Witz oder genießt einen Abend im Biergarten. Was hilft, sind Austausch und Verständnis. Freundinnen, die Ähnliches erleben, ein guter Podcast, eine verständnisvolle Ärztin. Auch Bewegung, Yoga, Meditation oder schlicht Spaziergänge können Wunder wirken, weil sie helfen, den Körper wieder als Verbündeten zu spüren. Und: Niemand muss sich mit Symptomen wie Libidoverlust oder Schmerzen beim Sex einfach abfinden. Es gibt vielfältige medizinische Hilfen, darunter Gleitgel und Hormon­ therapien – und ein offenes Beratungs­ gespräch bei Gynäkolog:innen kann helfen, die passende Lösung zu finden. Warum nicht in Anspruch nehmen, was das Leben leichter macht? Die Menopause ist nicht das Ende von Weiblichkeit oder Erotik. Im Gegenteil: Viele Frauen berichten, dass sie sich mit Mitte fünfzig freier fühlen als je zuvor. Ohne hormonelles Auf und Ab, ohne gesellschaftlichen Druck, sich „richtig“ zu verhalten, rückt endlich das in den Mittelpunkt, was wirklich zählt: das eigene Wohlbefinden.

Dr. Julia Egleder

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