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Trauma Kinderwunsch
Viele Frauen wünschen sich sehnlichst ein Kind. Doch wenn die Schwangerschaft ausbleibt oder durch eine Fehlgeburt endet, beginnt für die Betroffenen oft ein Prozess mit körperlichen und seelischen Herausforderungen.
Fruchtbarkeit und Schwangerschaft werden in der Gesellschaft meist als Selbstverständlichkeit angesehen. Bei Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch erzeugt das schnell Gefühle der Scham, Schuld oder Unzulänglichkeit. Dabei bleibt fast jedes zehnte Paar in Deutschland ungewollt kinderlos – eine Tatsache, die zu wenig thematisiert wird. Das monatliche Auf und Ab der Hoffnung und Enttäuschung kann psychisch stark belasten. Hinzu kommt der Druck von außen: Fragen aus dem Umfeld, gut gemeinte Ratschläge oder Warnungen, dass es „bald zu spät“ sei.
Eltern zu werden, ist ein sensibler Weg zwischen Hoffnung, Erwartung, aber auch Verlust. Denn etwa 10 bis 15 Prozent aller klinisch festgestellten Schwanger schaften enden mit einer Fehlgeburt. Weitere Fehlgeburten verlaufen unbemerkt, da die Frauen bis zu diesem Zeitpunkt noch nichts von ihrer Schwangerschaft wussten. Schätzungsweise ist so jede dritte Frau einmal in ihrem Leben von einer Fehlgeburt betroffen. Kaum jemand spricht darüber.
KÖRPER UND PSYCHE IM AUSNAHMEZUSTAND
Frauen erleben einen Schwangerschaftsverlust als tiefen Einschnitt. Auch wenn das Kind noch nicht geboren war, verliert eine Mutter ihr Kind. Die Trauer ist real. Zur seelischen Verarbeitung kommen oft hormonelle Umstellungen, körperliche Schmerzen und medizinische Eingriffe. Ein besonderes Problem: Die Umwelt reagiert oft hilflos oder gar abwehrend. Aussagen wie „Es war ja noch ganz früh“ oder „Ihr könnt es ja nochmal versuchen“ mögen gut gemeint sein, suggerieren aber, der Schmerz sei unangemessen. Auch auf die Partnerschaft haben ein unerfüllter Kinderwunsch und Fehlgeburten Auswirkungen. Während manche Paare enger zusammenwachsen, erleben andere eine Entfremdung. Unterschiedliche Arten der Trauerverarbeitung, unbewusste Schuldzuweisungen oder das Gefühl, nicht verstanden zu werden, belasten die Beziehung. Medizinische Maßnahmen wie Hormonbehandlungen oder künstliche Befruchtungen sind zudem für eine Partnerschaft, aber insbesondere für Frauen körperlich und emotional anstrengend.
HILFSANGEBOTE FÜR BETROFFENE
Es braucht eine gesellschaftliche Enttabuisierung des Themas, offene Gespräche, mehr Empathie und Raum für Trauer. Medizinisches Fachpersonal, Arbeitgeber:innen und das soziale Umfeld müssen stärker für die Problematik sensibilisiert werden. Die betroffenen Frauen brauchen Unterstützung und ein offenes Ohr für ihre Fragen. Kinderwunschzentren bieten hier umfassende Beratung und oft auch psychologische Unterstützung. Zudem gibt es spezialisierte Therapeut:innen für Themen wie Kinderlosigkeit und Schwangerschaftsverlust. Frauen können immer mehr digitale Angebote nutzen, wie Online-Therapieplattformen sowie Apps, die medizinische Fragen beantworten, Selbsttests ermöglichen und zu allen Fragen rund um ungewollte Kinderlosigkeit und Fehlgeburten informieren. Hilfreich sind auch Online-Communities und Foren, in denen Erfahrungen ausgetauscht werden können. Wichtig bei all dem ist vor allem, mit der Situation nicht alleingelassen zu werden.
Sabine Clever