
Artikel
ADHS: Wenn das Chaos leise ist
Nicht jedes Kind mit ADHS tobt durchs Wohnzimmer – manche träumen still vor sich hin. Gerade dann bleibt die Störung lange unentdeckt. Mit Geduld, Struktur und ehrlichem Verständnis lässt sich der Familienalltag erleichtern.
Mia sitzt am Esstisch, vor ihr ein halb gegessenes Brot und ein unausgefüllter Stundenplan. Eigentlich sollte sie längst los, zur Schule. Doch ihre Gedanken sind woanders – beim Traum von letzter Nacht, beim Muster der Tischdecke, bei allem außer der Uhrzeit, die drängt. „Mia, beeil dich!“, ruft ihr Vater zum dritten Mal. Die Siebenjährige zuckt zusammen, als wäre sie eben erst aufgewacht. Erst seit kurzem weiß die Familie, was hinter Mias Verträumtheit steckt: ADHS.
Lange galt ADHS als laut: Viele Menschen denken bei dem Wort an ein Kind, das nicht stillsitzt, ständig stört und überall aneckt. Doch nicht alle Kinder mit ADHS sind so. Bei vielen Mädchen – und auch manchen Jungen – zeigt sich die Störung ganz anders, nämlich leise. Statt herumzutoben, verlieren sie den Faden, vergessen Aufträge, wirken abwesend oder besonders angepasst. So ist es auch bei Mia: Sie fällt in der Schule kaum auf. Sie ist ruhig, freundlich, hilfsbereit. Dass sie dem Unterricht oft gedanklich nicht folgen kann, sieht zunächst niemand. Genau deshalb erhalten Mädchen die Diagnose ADHS im Schnitt deutlich später als Jungen.
WOHER ADHS KOMMT
Eines vorweg, weil sich viele Eltern genau das fragen: ADHS entsteht nicht durch falsche Erziehung. Fachleute gehen vor allem von neurobiologischen Ursachen aus. Im Gehirn werden bei Betroffenen diejenigen Botenstoffe anders verarbeitet, die für Aufmerksamkeit und Impulssteuerung wichtig sind. Hinzu kommt häufig eine erbliche Veranlagung – nicht selten erkennt sich ein Elternteil in den Schilderungen wieder. Das Problem: Es gibt nicht genügend Therapieangebote – betroffene Eltern warten oft monate- oder sogar jahrelang auf professionelle Hilfe. Eltern müssen sich also oft (erst einmal) selbst behelfen. So auch Mias Eltern.
Nach der Diagnose ADHS fällt Mias Eltern vieles wie Schuppen von den Augen. Sie hören auf, ihre Tochter für ihre Verträumtheit zu schimpfen, und schauen genau hin, wann sie Hilfe braucht. Im Kinderzimmer hängt jetzt eine einfache Karte mit Bildern für die einzelnen Schritte, die am Morgen zu tun sind. Statt mehrerer Aufträge auf einmal gibt es jeweils immer nur einen: erst die Schuhe anziehen, dann die Jacke. Beim Lernen teilen die Lehrer:innen und Mias Eltern Aufgaben in kurze Etappen ein – mit kleinen Pausen dazwischen. Und sie loben sie bewusst, wenn etwas gelingt – auch vermeintliche Kleinigkeiten.
WAS MIAS FAMILIE VERÄNDERT HAT
Was ebenso wirkt: Mia darf ihre Stärken zeigen. Sie malt fantasievoll, hört geduldig zu, hat einen feinen Sinn für andere. Je öfter sie dafür gelobt wird, desto sicherer und selbstbewusster wird sie. Auch von außen kommt Entlastung – durch eine aufmerksame Lehrerin, Ergotherapie und die Unterstützung durch eine App, die praktische Tipps ganz einfach am Handy gibt. Das nimmt für Mias Eltern den Druck, alles allein schaffen zu müssen. Das heißt nicht, dass jetzt jeder Morgen bei Mia und ihren Eltern ruhig beginnen würde. Aber die Familie weiß nun, was hinter Mias Verträumtheit steckt – und dass kleine, verlässliche Routinen mehr bewirken als jede Ermahnung.
Dr. Julia Egleder
WAS IM FAMILIENALLTAG MIT ADHS HILFT
• Immer nur einen Auftrag auf einmal geben.
• Den Tag mit Bildkarten oder festen Ritualen strukturieren.
• Lernzeit in kurze Etappen mit Pausen aufteilen.
• Bewusst loben, was gelingt – gerade die kleinen Dinge.
• Hilfe holen: Therapie, Schule und Elternaustausch einbeziehen.
• Wartezeit bis zur Therapie mit digitaler Hilfe überbrücken.
